pro Geisteswissenschaften
in freier Forschung

fragen, forschen, verstehen 

Zur Zukunft von Büchern

Vor die Frage gestellt, ob wir im nächsten Jahrhundert noch Bücher lesen werden, meinte der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski in einem Beitrag für die Serie Die Gegenwart der Zukunft in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: Wer in der Tradition des Buches aufgewachsen ist, bleibt ihr treu. Szczypiorski dachte dabei nicht an die Massenkultur. Der 2013 verstorbene Autor sprach von einer Literatur, deren Sinn und Bedeutung darin bestehe, das menschliche Schicksal zu beschreiben. Solche Werke, meinte er, lasen schon früher „nur die Leute, die neugierig auf die Welt waren, die Antworten auf grundlegende Fragen ihrer Existenz suchten und ein gewisses Gefühl für Kunst entwickelten“. (SZ Nr. 198, 28./29. August 1999, S. VII)


Nichts ersetzt ein Original.

Die großen Museen wie das RIJKSMUSEUM AMSTERDAM oder das KUNSTHISTORISCHE MUSEUM WIEN haben ihre Internetpräsenz so ausgebaut, dass die berühmten Werke der Sammlung im Internet abrufbar sind, in guter Qualität und beliebig zu vergrößern. Doch eines kann Elektronik nicht leisten: Die physische Qualität eines Objektes zu spüren. Das können nur Originale, die in den Museen, den Galerien, den Ausstellungen. Nur dort ist Materialität erfahrbar, die Wirkung der Farben zu erleben. Nur vor dem Original sind Großformate mit einem Blick, als ein Ganzes, zu erfassen. Das Web ist ein Medium der ersten Information, für die Bildende Kunst einer Information in Miniaturansicht.    


Gemälde haben Geschichte, erzählen von Geschichte

Ein Besuch in der ALTEN PINAKOTHEK in München. Ich wurde angelockt (und enttäuscht) von der Ausstellung Vermeer in München (Sommer 2011), in der nur ein einziges Gemäldes dieses niederländischen Malers aus dem 17. Jahrhundert gezeigt wurde. Es war die aus Washington ausgeliehene Frau mit Waage, ein Hauptwerk Vermeers und ein kostbares Glanzstück der holländischen „Genremalerei“ - so die üblichen, einem großen Teil des Publikums nichts sagenden Zuordnungen, mit denen es in der Presse – Berichterstattung bejubelt wurde.   

Vor dem Original dann – welch eine Ratlosigkeit! Da sah man eine schlicht gekleidete Frau mit einer kleinen Waage in der Hand, in einer privaten Stube, bei verhängtem Fenster, mit wertvollem Schmuck auf einem Tisch und einem religiösen Bild im Hintergrund, einem „Jüngsten Gericht“. Und das alles so klein, so dunkel, in einem Format von nur 40,3 cm x 35,6 cm untergebracht. Auf den Ausstellungsplakaten auf der Straße hatte man diese Frau kurz zuvor noch in hellem Licht und in Übergröße gesehen, so als gäbe es nichts als sie auf dem Gemälde.  Das warf für mich Fragen auf, die ich sonst nirgendwo gestellt fand. Im Katalog war nur von einer „Allegorie“, einem „Sinnbild der Mäßigung“ die Rede. (Markus Dekiert: Vermeer in München. König Max I, Joseph von Bayern, als Sammler Alter Meister. Hg. von den Bayrischen Staatsgemälde – Sammlungen, München 2011, S. 48)

Da hätte ich mir mehr gewünscht, zumal der Gang durch die riesigen Sammlungsbestände der ALTEN PINAKOTHEK an dem Werk von Peter Paul Rubens Das Große Jüngste Gericht vorbeiführte. Vor diesem Kolossalgemälde, über sechs Meter hoch und über viereinhalb Meter breit, kann einem Betrachter ein Gedanke wie der zum "Maßhalten" kaum in den Sinn kommen. Der bayrische König Ludwig I, der tatsächlich nicht gerade für Bescheidenheit bekannt ist, hatte das einst für den Altar einer katholischen Kirche geschaffene Werk erworben als Mittelpunkt für seinen „Kunsttempel“, der erst später den Namen Alte Pinakothek erhielt. Die aus einer Erbschaft auf den König überkommene Frau mit Waage wurde  in die erste Sammlung gar nicht aufgenommen!    


Unterschiedliche Epochen, unterschiedliche Auffassungen!

Größere Unterschiede kann man sich kaum denken. Hier das Rubensche Altarbild, die Verbildlichung einer kirchlichen Lehrmeinung, eines Dogmas, mit dem sich katholische Gläubige einst konfrontiert sahen, das irgendwann ästhetisiert, in den Kanon der großen Kunstwerke der Welt gewechselt hatte. Dort, bei Vermeer, das gleiche Thema, das „Jüngste Gericht“, als Kunstwerk geschaffen, aber als Detail in einem  kleinen Kabinettbild in den Hintergrund gelegt, als „Bild im Bild“, möglicherweise ein Schlüssel für die Interpretation des Gemäldes – doch welcher Interpretation, wirklich eines Appells zur Mäßigung, zur Bescheidenheit?  

Spätere Personen der Zeitgeschichte haben das Rubens – Gemälde gar nicht geschätzt. Von Alexander von Humboldt wird erzählt, dass er und sein Begleiter Das Große Jüngste Gericht „nur mit Schrecken“ ansehen konnten, „unaussprechlich ekelhaft“ notierte der berühmte Naturwissenschaftler als Eindruck von den „Fleischmassen“ und er meinte damit die nackten Frauen – und Männerkörper, die sich in Richtung Paradies und in Richtung Höllenschlund bewegen (Manfred Geier: Die Brüder Humboldt. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 2009, S. 126).

Die Besucher zur Jubiläumssausstellung 2011 in der ALTEN PINAKOTHEK gingen an dem Gemälde gleichgültig vorbei. Aber auch Vermeers Frau mit Waage schien wenig Zustimmung zu finden. Die Verweildauer vor dem Gemälde war während meines Besuchs sehr kurz.    

Man sieht nur, was man kennt – man schätzt nur, wovon man eine Vorstellung hat

Wo greift Neugier, wann werden Fragen so wichtig, dass man sie beantwortet wissen möchte? Mich liess diese Frau mit Waage nicht los. Ich wollte herausfinden, wie es zu dieser so ganz anderen Verwendung ein und desselben religiösen Themas gekommen war, innerhalb von zwei Generationen. Rubens starb 1640 in Antwerpen, als Vermeer gerade ein heranwachsender Junge in Delft war. Beide sind Repräsentanten des sogenannten „Goldenen Zeitalters“, der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts. Auf welche Bildtraditionen griff der eine, der andere zurück? Bei Rubens vermutet man Michelangelo als Vorbild, doch Vermeer? Was trieb ihn, das Motiv „Jüngstes Gericht“ aufzugreifen, welche Funktion gab er ihm im Rahmen eines Ambientes, in dem nichts so richtig zusammenpasst: der Schmuck auf dem Tisch mit der Forderung nach Mäßigung, die schlicht gekleidete Frau mit einer Waage aus dem damaligen Kaufmannsmilieu, das Bild an der Wand, das,  seiner Funktion als Kirchenkunst enthoben, die Wand einer bürgerlichen Privatsstube bzw. den Hintergrund eines Gemäldes schmückt?    


Fragen über Fragen – aber es gibt doch WIKIPEDIA!

Die online – Enzyklopädie ist ein enormer Fundus an Wissen, aber nicht mehr als eine gute, erste Orientierungshilfe für das, was man „Allgemeinwissen“ nennt. Die Möglichkeit zu einer ständigen Veränderung der Texte durch jeden, der sich dazu herausgefordert fühlt, macht sie leider zu einem unsicheren Informanten, weil eben auch „verschlimmbessert“ werden kann. Man muss schon Experte sein, um falsche Angaben festzustellen. WIKIPEDIA ist auch nicht quellenkritisch. Wenn Fachliteratur angeführt wird, ist es oft eine kleine Auswahl. Welchen Titeln die jeweiligen Informationen entnommen sind, weiß man nicht, anders als bei den inzwischen gerne totgesagten klassischen Enzyklopädien und Lexika. Deren Informationen haben den Wert historischer Dokumente, weil sie charakteristisch sind für die Entwicklungen und Anschauungen einer klar umrissenen Epoche. WIKIPEDIA kennt nur den „neuesten“ Stand. Der ist bei Vermeer im Laufe der Jahre wesentlich umfangreicher und informativer geworden (März 2015), reicht aber nicht über die gängigen wissenschaftlichen Schlagwörter hinaus. Dafür wimmelt es von Links, weil so viele Begriffe zu erklären sind.  

Wer tiefer forschen will, mehr wissen möchte über den kulturhistorischen, den zeit- und religionsgeschichtlichen, den soziologischen und politischen Hintergrund seines Lebens und Schaffens, ist auf eigene Recherchen angewiesen, in den klassischen Büchern und in Bibliotheken. Doch auch dort hat man es nicht leicht. In der Kunstwissenschaft sind zur Zeit andere Trends Mode als die „Klassiker“, die auf Inhalt und Bedeutung gerichtete Neugier oder gar die Symbolforschung.

Trend und Event oder fragen, forschen, verstehen?

Wer „Malen“ als eine aktive Auseinandersetzung mit der äußeren Welt versteht (wie es E. H. Gombrich formulierte), der wird Events wie „Museumsnächten“ oder Spielereien mit dem „Selfie – Stick“ wenig abgewinnen können. Der eine oder die andere wird nicht aufhören danach zu fragen, was in der Lebenszeit eines Künstlers wirklich vor sich ging, worauf es dem Künstler angekommen sein kann, auf welche Traditionen er zurückgriff. Klingt altmodisch – doch tröstlicherweise wechseln Moden, nicht nur in der Kleidung. Wenn Haarschnitt (der Männer) und Kleidung (der Frauen) auf den Stil der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückgreifen, dann bleibt als Trost: Auch das kunsthistorische Interesse und der Anspruch wissenschaftlich begründeter Analyse kann wieder Mode werden, anders als früher, aber immer in der Gewissheit, dass zu keinem Gegenstand schon alles gesagt wurde.

(E. H. Gombrich: Wahrheit und Illusion. In: Das Gombrich – Lesebuch. Ausgewählte Texte zu Kunst und Kultur. Hg. von Richard Woodfield. Dt. Phaidon Verlag, Berlin 2003, S. 107 f)

Darum also: Vermeer!

Was diesen Maler für mich so reizvoll machte? Es ist die Entdeckung, wie sich aus der Zusammenschau von persönlichen Lebensumständen und Erfahrungen, gesellschaftlichen und künstlerischen Bedingungen der Zeit eine Persönlichkeit und ein ungewöhnliches Werk herausschält, das so viel mehr birgt als bisher beschrieben. Es lässt sich mit Ausdrucksformen und Bildtraditionen der niederländischen Malerei, nicht nur seiner, auch der vorausgehenden Zeit, in Beziehung setzen. Da kommen Vorbilder in Frage, die zwar nur als mögliche beschrieben werden können, die jedoch in jedem Fall eine tiefe Verbundenheit mit Bildtraditionen und Stilmitteln der südniederländischen Malerei belegen.  

Darum also: Vermeer. Zu ihm scheint alles gesagt. Dabei gibt es über den realen historischen Menschen und Künstler und über das Delft seiner Zeit noch so manches zu entdecken. Das kann ich zeigen in meiner Studie

Vermeer. Sicht auf Delft und - ein Frauenideal.

(Hardcover EUR 24,90, Verlag Tredition, Hamburg Okt. 2015)

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