pro Geisteswissenschaften
in freier Forschung


Die Wissenschaften - mein lebenslanger Begleiter

Die Langzeitstudierende

Die Studiennachweise erlauben keine Beschönigung: 20 Semester! Dann war es mit Wechseln von Hamburg nach Bochum, Aix-en-Provence und schließlich Kiel geschafft. Strafgebühren, wie später ein Hamburger Wissenschaftssenator sie meinte einführen zu müssen, wurden nicht fällig. Aber etwas Druck von Seiten der Professoren war schon nötig, um die Prüfung anzugehen und um mit der Illuson aufzuräumen, es lasse sich als Hilfskraft im Literaturwissenschaftlichen Institut doch ganz gut leben.

Die Beurkundung der erfolgreichen Promotion durch die Philosophische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität Kiel wurde per Post zugestellt. Ich hatte "durch die Abgabe der Pflichtexemplare am 12. März 1980 die letzten Bedingungen zur Erlangung des Doktorgrades erfüllt". Kaum mehr als gut zehn Jahre nach dem Protest gegen den "Muff" unter den Talaren war die "neue" Universität noch zu jung für eigene Rituale.

Studienbeginn '68

Wie tief der Kulturschock bei vielen Ordinarien saß, hatte ich damals nicht registriert. Das Grundstudium absolvierte man ohnehin bei den jungen Dozenten und Assistenten, die zu den Triebkräften der Universitätsreform zählten. Einer der ihren sollte wenig später der erste Präsident der Universität Hamburg werden, der erste bundesweit, der keinen Lehrstuhl hatte, 'nur' einen Doktor.

Hamburg war ein aufregender und anregender Studienort (zur Geschichte der Universität s. Publikationen), auch wenn anfangs der Spagat groß war zwischen alten Studieninhalten und den Diskussionen und Vorstellungen, was alles unbedingt anders werden müsse. Zwischen den politischen Veranstaltungen saßen wir in Seminaren, in denen die Lyrik und das Lebensgefühl der Romantik zelebriert wurden. Alt- und Mittelhochdeutsch, auch Altfranzösisch und immer wieder Übersetzungsübungen wurden pflichtschuldig absolviert.

Die neuen Inhalte kamen über die Sprachwissenschaften in die Germanistik mit Seminaren zur Linguistik und Neuhochdeutschen Grammatik. Da war endlich das sattsam bekannte, schulmäßige Pauken von Grammatik abgelöst von einer Auseinandersetzung mit Sprachtheorien. Gefragt wurde nun auch nach dem Sprachgefühl von 'Sender' und 'Empfänger' in einer Kommunikation.

In der Romanistik (lange Hauptfach) wurden sozialkritische Akzente gesetzt mit Les Misérables von Victor Hugo und Le rouge et le noir von Stendhal. Ein Seminar (von einer der wenigen Professorinnen)  über hermeneutische Interpretationsansätze war von langanhaltender Wirkung. Die Vorlesung im großen Kokoschka - Hörsaal (das Original des Thermopylae - Triptychons von Oskar Kokoscha nimmt mit seinen acht Metern Breite fast die gesamte Längstwand ein) war immer überfüllt. Meine Notizen verrieten die Studienanfängerin, die nicht so richtig mitkam, doch tief beeindruckt war, nicht nur von dem weiten Horizont, der sich da öffnete, auch von dem von dieser Lehrstuhlinhaberin praktizierten Austausch mit ihren Hörern: Aus einem Zettelkasten am Hörsaal - Eingang fischte sie Fragen, Anregungen und Kritik, die sie aufnahm.

Wie anders die Kunstgeschichte, in der man unversehens zum Opfer beißender Kritik werden konnte. Einem Professor gefiehl es, vor versammeltem Seminar bessere Passfotos auf den Semesterausweisen anmahnen: Mit "so etwas" brauche man sich gar nicht erst vorzustellen, meinte er auf ein Beispiel verweisend, das dank der wahrlich schlechten Qualität des Bahnhofsautomaten meine Person unerkenntlich machte. Über die Haltung dieses Professors (und anderer) im Nationalsozialismus wurde damals nicht diskutiert. Für ein Urteil über sein Wissenschaftsverständnis waren die Erstsemester noch zu jung. Methodisch gefiel, dass er in der Hamburger Kunsthalle auch schon mal ein Gemälde abhängte und kopfüber auf den Boden stellte. Das weitete den Blick. Wohl deshalb habe ich später die Aufregung über die 'auf den Kopf gestellte' Malerei von Georg Baselitz nicht geteilt, bei dem diese Perspektive ja durch und durch thematisch untermauert ist.

An einen anderen Ordinarius ›alter Schule‹, im besten Sinne, denke ich gerne zurück: Leider verschwand er - für mich viel zu schnell - von Kiel nach Würzburg. Sein Dürer - Seminar in Kiel wurde, wie ein Seminar  in Bochum über den Picasso der 60er Jahre, zur Grundlage einer bis heute anhaltenden Beschäftigung mit der Bildenden Kunst.

 

Deutsche Vergangenheit und französische Kultur

Cerisy-la-Salle, ein Schloss in der Normandie, ein Privatbesitz und staatlich gefördertes Kulturzentrum im Geiste des Literaten  Paul Desjardin. Eine Studierenden - Gruppe der Hamburger Universität war zweimal dort zu Gast. Die Erfahrungen konnten nicht unterschiedlicher sein! Das erste Treffen im Sommer '68 wurde zu einer Lektion in Sachen verdrängter deutscher Geschichte und Schuld.

Das Schloss Cerisy-la-Salle war im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen besetzt. Die kleinen Enkel des Hauses zeigten den Besuchern die militärischen Planskizzen von der Umgebung, die im Kamin erhalten geblieben waren, und sie fragten, ob ich das Haus von "Itlèr" kenne. Nein, von Hitlers Haus in München hatte ich nie gehört und ich hatte auch bis dahin nicht erlebt, meiner Nationalität wegen geschnitten zu werden. Mehrere der jüdischen Gäste, in dem Sommer war es Lektorinnen, Kritikerinnen und auch Übersetzerinnen, wollten mit den Deutschen kein Wort wechseln. Nur den abendlichen Konzerten unserer Musikstudentinnen und -studenten war es zu verdanken, dass sich der Knoten löste. Das Nachdenken setzte erst später richtig ein, als ein anderer Knoten platzte und eine Erinnerung freigab: In der Schule hatte, aus Wut darüber, dass im Unterricht Hitler verteidigt wurde mit dem sattsam bekannten Argument, er habe doch die Autobahnen gebaut, der Geschichtslehrer einen Kinobesuch organisiert: Völlig unvorbereitet sahen die ganz und gar politikfern erzogenen Gymnasiasten die grauenvollen Aufnahmen, die nach der Befreiung von den überlebenden KZ - Insassen und den Leichenbergen gedreht worden waren.

Die Universität Hamburg war später eine der ersten, die ihre Zeit unter dem Nationalsozialistischen Regime in einer umfangreichen Aufsatzsammlung aufarbeitete (Eckard Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer (Hg.): Hochschulalltag im "Dritten Reich". Die Hamburger Universität 1933 - 1945 (Hamburger Beiträge zu Wissenschaftsgeschichte. Bd. 1 - 3) Berlin, Hamburg 1991).

Cerisy-la-Salle, erlebten wir beim zweiten Aufenthalt als ein Treffen französischer Intellektueller und Literaturwissenschaftler auf einem uns bis dahin unbekannten Niveau mit Teilnehmer wie Tzvetan Todorov, Jean Alter, Gérard Genette und - als Kurzbesucher - Roland Barthes. Der Vormittag in der Bibliothek gehörte den Diskussionen über strukturalistische Erzählansätze und über Wege, die sprachliche, formale Perspektive durch eine inhaltliche zu ergänzen. Bei langen Mittagessen mit allen Gängen und dem Besten, was Frankreichs Küche zu bieten pflegte, wurden die Gespräche vertieft. Nachmittag gingen die Diskussionen weiter. Der Aufenthalt führte zum Entschluss, für ein ganzes Studienjahr nach Frankreich zu gehen.

Aix-en-Provence

Anders als Hamburg war die Universität Aix - Marseille im Studienjahr 1970/71 noch mit den 68'er Nachwehen beschäftigt und nicht zu einem normalen Studienbetrieb zurückgekehrt. Das gab die Freiheit, die Kenntnis der Provence (damals noch ohne autoroute du Sud und mit lebendigen Innenstädten, auch in Aix) und die französische Literatur weitgehend selbstständig zu vertiefen. Für die Zusammenstellung meiner Privatstudien gibt es nur eine Erklärung: Sie war dem Zufall geschuldet und integrierte so unterschiedliche Autoren wie Gaston Bachelard mit seiner Phänomenologie, der rèverie de la langue poétique, und Jean Pierre Jouve, dessen Prosawerk der Selbst- und Sinnsuche mich faszinierte, und nicht zuletzt Denis de Rougement mit seiner Erforschung des okzidentalen Denkens, der Tradition von Erotisme und le mythe, eine Lektüre, die durch psychoanalytische Studien zur Traumforschung von Freud und Jung ergänzt wurde.

Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie

Kommentar meiner südfranzösischen Freunde: Kann man 'da oben' - in Kiel - überhaupt leben? Leben und studieren! Und wie! - Nun war es die Germanistik, in der eine jüngere Lehrergeneration die Reformimpulse aufgenommen und fortgeführt hatte. Da konnte die nächste Stufe wissenschaftlichen Denkens erklettert werden in Seminaren zur Geschichte und Theorie der Wissenschaft. Wieder gab es Semester mit spannenden Diskussionen und zugleich ein Aufholen in der deutschen Literaturgeschichte. Die 'Moderne', die deutschsprachige Literatur der Gegenwart und vor allem Die Blechtrommel von Günter Grass bestimmten gleich das erste Kieler Semester. In diesem heiß diskutierten, als Blasphemie heftig angegriffenen Werk fand ich im Gegensatz zu der damals gängigen Manie, den Autor mit seiner Figur zu identifizieren, vieles von dem in Frankreich Gelernten wieder. Leitmotive, erotische Sprachbilder, ein transzendentales Denken, das in vielen Generationen auch die politische Analyse prägte.  

Unvergessen: eine Lesung mit Günter Grass in Danzig im Jahr 1972! Zum ersten Mal durfte aus der bis kurz zuvor in Polen verbotenen Blechtrommel gelesen werden, in deutscher und in polnischer Sprache aus dem Kapitel Die Polnische Post. Nie wieder habe ich solche Reaktionen erlebt, die zeigten, welche Bedeutung die Literatur für das Denken und Fühlen der Menschen haben kann!

Zum eigenen Forschungsansatz kam ich dank der Neubesetzung eines Lehrstuhls am Literaturwissenschftlichen Seminar. Klaus-Detlef Müller kam mit dem Ruf eines Brecht - Experten nach Kiel. Doch seine Habilitation hatte er zum Thema Autobiographie und Roman (Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit. Tübingen 1976) verfasst. Er wurde mein akademischer Lehrer, wie man selten das Glück hat, einen zu finden. Bei ihm lernte ich die theoretischen Grundlagen, um die unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen in literarischen Texten zu erfassen, vor allem die klare Unterscheidung zwischen dem Autor (Günter Grass) einer (fiktiven) Autobiographie und dem Ich - Erzähler im Text, der als Romanfigur Teil der Fiktion ist. Dank der intensiven Betreuung durch K.D. Müller, der leider offiziell nicht mein 'Doktorvater' werden konnte, entstand der Band:

Günter Grass und die "Hybris" des Kleinbürgers: "Die Blechtrommel", Bruch mit der Tradition einer irrationalistischen Kunst- und Wirklichkeitsinterpretation (Frankfurter Beiträge zur Germanistik Bd. 19) Winter Universitätsverlag Heidelberg 1979   

 s. auch Publikationen