pro Geisteswissenschaften
in freier Forschung

 Am Mikrofon  

 Rundfunk - Journalistin von Beruf 

April 1967. Damals sagte man noch "Fräulein" Jendrowiak und das heutige Landesfunkhaus Kiel des Norddeutschen Rundfunks war nicht mehr als ein kleines Studio, das in "Fenstern" auf NDR 1 (Musikfarbe: Schlager und Folklore)  Sendungen mit regionalen Beiträgen aus Schleswig-Holstein für Schleswig-Holstein verbreitete. Sein Leiter war Thomas Victor Adolph, dem ich das Volontariat und erste Einblicke in die gesellschaftlichen Hintergründe und Eitelkeiten des damals so durch und durch männlichen Metiers und Milieus verdanke. Erst durch den Nachruf auf ihn erfuhr ich, dass er Kinderbücher geschrieben hatte. 

Der Norddeutsche Rundfunk bildete noch vor Ort aus, das bedeutete: Ein Jahr lernen aus der Erfahrung älterer Kolleginnen und Kollegen, je zur Hälfte im TV und im Hörfunk. Was in Erinnerung blieb? Eine  historische Spurensuche quer durch das nördlichste Bundesland. Wolfgang Trense im Zeitfunk hatte eine Hörfunk - Serie "Seltene Ortsnamen" angeregt: Sachsenbande (wo der "Bann" der Sachsen, ihre Rechtsordnung, endete) oder Grönland (Grünes Land) bei Itzehoe. Pastoren, Lehrer und die Alt - Eingesessenen waren meine Gesprächspartner, oft sprachen sie Platt. Das musste man nicht übersetzen. Land und Leute hieß die Sendung des Landfunks, zu der mich Gerd Aepinus (unvergessen) hinzuzog und mich lehrte, in Interviews den hektischen Tonfall der aktuell - Berichterstattung abzulegen.

Regional mit 'Metropolen - Touch'

Weiterhin Regionalberichterstattung, nun aber in Hamburg: Ein Jahr "freie Mitarbeit" als "Realisatorin" (Reporterin) für die TV - Nachrichtensendung Berichte vom Tage. In der täglichen Abendzusammenfassung der Ereignisse vom Tage hatte man für einzelne Themen noch viel Zeit! Die Sendung schloss mit Beiträgen von elf bis zwölf Minuten Länge, oft aus dem Kulturbereich. Eine Mitarbeit im Kulturspiegel mit einem Beitrag über eine wissenschaftliche Studie zum Fernsehkonsum von Kindern stellte endgültig die Weichen in Richtung 'mehr Wissen erwerben' und damit für ein Doppelleben von Studium an der Universität und Existenzsicherung durch Hörfunk und Fernseharbeit.

pro Geisteswissenschaften / pro Hörfunk

Dem damaligen Leiter des Kulturspiegel  verdanke ich den Rat, der über die Studienwahl entschied. Nein, nicht Journalistik, meinte er, für unseren Beruf musst du eine Sprache gut kennen, nimm Germanistik. Es wurden die Deutsche Philologie, die Romanische Philologie und die Kunstgeschichte. Im Nachherein betrachtet, etwas einseitig! Geschichte wäre gut gewesen, doch ich folgte - und rate das allen Studierwilligen - meinen Neigungen.

Der Versuch, den Lebensunterhalt für das zeitaufwendige Studium (nebst im Grundstudium allgegenwärtigen politischen Diskussionen und Demonstrationen) mit Hilfe des Honnefer Modells, einem Vorläufer des Bafög, zu bestreiten, war nicht durchzuhalten, genauso wenig wie die Arbeit fürs Fernsehen: Das eine war zu mager, das andere zu selten. So wurde der Hörfunk mein Medium.

'Regionalisierung' in Norddeutschland

Der 'rote' NDR sollte geschliffen werden. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg nahm die Proteste gegen den Bau des Atomkraftwerks in Brokdorf zum Anlass, den Rundfunk-Staatsvertrag zu kündigen. Doch der Ausbau der Landes - "Fenster" zu Vollprogrammen brachte nicht überall die erhoffte Entpolitisierung. Die NDR-Hamburgwelle handelte sich schnell den Ruf ein, "zu" kritisch zu sein. Das ärgerte auch sozialdemokratische Erste Bürgermeister, die ihre christdemokratischen Kollegen mit deutlich tiefer "schwarz" eingefärbtem Personal in den Redaktionen der Nachbarländer mit Neid betrachteten.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hamburgwelle (das Hamburg-Programm des NDR, in dem ich ab 1980 eine Festanstellung hatte)  war der Ausbau des Programms eine große Herausforderung und in den ersten Jahren eine Erfolgsgeschichte. Es war die Zeit des politischen Auf- und Ausbaus im Kultur und Bildungsbereich. Wortsendungen mit einer Länge von bis zu zwei Stunden kamen ins Programm. Über den Musikanteil entschieden die Redakteurinnen und Redakteure, die auch am Mikrofon saßen. Informationen für wissbegierige Zuhörer hieß die Devise.

In Verantwortung für die Region

Die Arbeit machte mich zur überzeugten 'Regionalistin', die von der großen Verantwortung ihrer Arbeit überzeugt war. Was wir aussstrahlten, war vor Ort überprüfbar: Kritisierten Personen konnte man nicht so leicht ausweichen, man musste Rede und Antwort stehen. Ein Streik der Hafenarbeiter legte den gesamten Lastwagenverkehr zum Containerhafen lahm, wehe man meldete die falsche Berufsgruppe. Bald schon Fachredakteurin für Bildungsfragen, tauchte ich tief in die Schul- und Hochschulpolitik Hamburgs ein, später auch in die Berichterstattung über Tarifverhandlungen und Streiks, die es in Hamburg reichlich gab. Auch an der aktiven Gewerkschaftsarbeit im NDR war ich in den letzten Berufsjahren beteiligt.

...dann kam das "Formatradio"

Mit dem Aufbau privater Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik brachen bei den Öffentlich - Rechtlichen Medien und auch bei uns die Hörerzahlen ein und im Hinterherhoppeln hinter den offensichtlich so viel erfolgreicheren Konkurrenten maches Selbstvertrauen und manche Selbstgewissheit gleich mit. Es gab keinen Umbruch von heute auf morgen, aber die Richtung war eindeutig: Eine trotzige Selbstbehauptung. Der Name unseres NDR - Landesprogramms Hamburg im Hörfunk war nun NDR 90,3. Den Ablauf der Sendungen bestimmte die "Musikuhr" mit ihren strikten Vorgaben: zwei Musiktitel, ein Wortanteil, egal welches, ob ein Trailer oder der Wetterbericht, der immer ausführlicher wurde. Die Berichte, auch zu wissenschaftlichen Themen, wurden im Gegenzug immer kürzer, gerne auch unter einer Minute Sendezeit.

Erstaunlich, wie viel sich - wenn man es versucht sportlich zu nehmen - auch in der Beitragslänge noch unterbringen lässt!

Mit 65 heißt es 'Tschüss'

Im Juli 2011 schrieb ich, längst voll digital ausgestattet und auch beim technischen Teil unserer Arbeit am Computer weitestgehend auf mich selbst gestellt, zum letzten Mal per E-mail über den 'großen Verteiler':

Vor über vierzig Jahren bin ich als Volontäring zum NDR gekommen . . . . Ich habe dem Sender abwechslungsreiche und aufregende Berufsjahre zu danken . . . . Heute ist der letzte Arbeitstag . . . Ich wünsche allen Kolleginnen und Kollegen weiterhin viel Erfolg. Die Zeiten werden nicht einfacher werden.